Der Maremmano verdankt das Überleben seiner Herdenschutz- und Wachfunktionen nicht nur dem Vorhandensein der Raubtiere, sondern und vor allem den Anforderungen der traditionellen Weidenwirtschaft und der damit verbundenen Transhumanz, der regelmäßigen Migration der Herde von den sommerlichen Bergwiesen zu den Talwiesen im Herbst und Winter. Die Transhumanz ist also ein regelmäßiger saisonaler Herdentransfer (hauptsächlich handelt es sich dabei um Schafe, aber nicht nur) zwischen zwei oder mehreren komplementären Berg- und Talweiden.

Umwelt und Klima sind zwei Voraussetzungen der Transhumanz und beeinflussen diese seit jeher; politische und wirtschaftliche Einflüsse können zu bedeutenden Wechselwirkungen führen. Die Transhumanz kann horizontal, auch mediterran genannt, oder vertikal, auch alpin genannt, sein; diese beiden Arten sind an Umwelt- und Wirtschaftsbedingungen unterschiedlich gebunden. Die Adjektive “vertikal” oder “horizontal” beziehen sich dabei entweder auf die Höhenunterschiede zwischen Bergen und Tälern, oder auf bedeutende Distanzen zwischen zwei geographischen Gegenden.

Die horizontale Transhumanz ist typisch für die Gegenden, die einerseits Berge vorzuweisen haben, die im Winter schneebedeckt sind und so einen hohen Feuchtigkeitsgrad aufweisen, was wiederum zu hervorragenden Sommerweiden führt, andererseits aber Täler haben, die im Sommer karg und trocken sind. Die vertikale Transhumanz ist typisch für das ganze Alpenmassiv. Das Vieh wird dort im Winter im Stall gehalten und dann von Juni bis Ende September auf die Weide gebracht.

Viele Zentraleuropäischen Länder haben die Transhumanz betrieben: Spanien, Frankreich, Schweiz, Deutschland, Karpaten, Balkan-Länder und Italien natürlich, wo die Transhumanz sich zwischen den zentral- und Süd-Apenninen und den Tälern von Apulien, Kampanien und Maremma abspielte.

Wenn man die Geschichte der Transhumanz in Italien studiert, muss man beachten, dass diese Zuchtweise durch die Umwelt-und Klimabedingungen des Landes bedingt war. Es ist also verständlich, warum die Wissenschaftler von einer „Transhumanz-Zivilisation“ sprechen, denn alle wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen, ethischen und juridischen Modelle, Bräuche und Sitten wurden durch die Transhumanz tief geprägt.

Die horizontale Transhumanz ihrerseits bedeutet das Wandern von einer Wiese zur anderen, normalerweise zu Fuß, entlang jahrhundertealten Pfade, durch Gegenden, die in unterschiedliche kommerzielle und landwirtschaftliche Aktivitäten eingebunden sind.

Die Transhumanz führte an Landstraßen entlang, so dass die Schafe unterwegs an den Rändern grasen konnten, aber noch mehr entlang der Triften, riesigen grasbedeckten Wegen, denen die Schafe samt Schäfern und ihren Hunden für Hunderte und Hunderte von Kilometer folgen konnten. An den breitesten Stellen konnten diese “tratturi” bis zu 111 Metern breit sein: von diesen “Hauptarterien” zweigten kleinere “tratturelli” ab, die etwa 37 Meter breit und untereinander durch 18-19 Meter breite Pfade verbunden waren.

Entlang der Triften konnte man diverse Raststätten finden – dabei handelte es sich um gras- und wasserreiche Ebenen, wo die Herde bis zu drei Tagen bleiben konnte. Der Verfall der Transhumanz, die bereits im III Jhd. v. Chr. betrieben wurde, kam auch der Zusammenbruch der daran gebundenen handwerklichen und kommerziellen Aktivitäten, die es erlaubten, die Bedürfnisse und Ressourcen der Berge mit denen der Täler zu integrieren.

Normalerweise wurden die Schafe durch die Schaefer oder ihre Aushilfen begleitet. Die Hunde mischten sich unter die Tiere oder liefen voran, um dann im Schatten auf die Ankunft der Herde zu warten. Heutzutage reisen die Schafe in Tiertransporttrailern. So wird die Transferzeit zeit- und energiesparend auf nur 24 Stunden reduziert. Für die Tiere ist solch ein Transport natürlich vom Vorteil, denn die lange und beschwerliche Reise, die sich über Tage hinweg zog, zerrte schwer an dem Wohlbefinden der Schafe, vor allem, wenn es sich um schwangere oder stillende Tiere oder auch kleine Lämmer handelte.


Glossar / Definitionen

Transhumanz
“Vertikal” wenn aus der topographischen Sicht die vertikale Verlagerung viel bedeutender ist als die horizontale Distanz.(von den Tälern zu den Bergweiden). “Horizontale Transhumanz bedeutet andererseits, dass die vertikalen Höhenunterschiede im Vergleich zu der horizontal zurückgelegten Distanz unbedeutend sind.

Trift (Tratturo)
Ein breiter Pfad, der durch wiederholten Herdentransfer geformt wurde. Der Tratturo ist die gewohnte Reiseroute für die Herden von den Sommer- zu den Winterweiden. Das Wort kommt von dem lateinischen tractorium. Als Alfonso I von Aragona die Schafsteuer einführte, wurde das Triftnetzwerk gezeichnet, das noch heute gültig ist.

Monticazione
Die Überführung der Herdentiere von den Tälern (oder Ställen) zu den Sommerweiden in den Bergen.